Der alte Mann - von Kräuterhexe09

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Der alte Mann - von Kräuterhexe09

Beitragvon Lyrikecksil am Do Mär 03, 2011 1:52 am

Seit Jahren schon blickt er mit denselben verlorenen Augen auf den Strom, der unter ihm als braunes Band durch die Stadt quillt.
Seine Hose und sein Mantel sind schäbiger als seine Haare, die matt und gleich einem Vogelflaum durch schneidend kalte Winde in alle Richtungen geblasen werden.
Tiefe Falten an beiden Seiten des Mundes verleihen dem Gesicht einen schmerzlichen Ausdruck.
In ihren dunklen Rillen scheint der Bart dichter zu wachsen, ein bewaldeter dunkler Fluss, der sich durch blasses Land schiebt und jäh versiegt.
Jeden Tag zur gleichen Stunde steht er dort und krallt wie ein Ertrinkender die Finger um das metallblaue Geländer. Wie blasse Hügelketten treten die Knöchel hervor.
Eines Tages wird er springen, denke ich, während er mir den Rücken zuwendet.
Er wird sich von der Stange abstoßen und in die Lüfte schwingen.
In seinen Augen spiegeln sich die Wolkenmeere, die sich den Gezeiten unterwerfen, der Wind, der die Bläue des Himmels poliert, der ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, der sich in seine Ohren einnistet, dort die Erinnerung wach hält an die Kindertage, in denen er ein Held war.
Sein Gesang war göttlich, der die Nebelnächte auflöste, den Vollmond hervorlockte, freie Sicht schuf und tief in den Schoß der Wälder blicken ließ.
Seine Seele ist ein Wanderfalke mit Heimat in der Grenzenlosigkeit.

Gabriele Pflug


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Lyrikecksil
 
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